

Donna Hay, die Lifestyle-Queen
Dass sich Sydney zur Sommerresidenz gepflegter Lebensart gemausert hat, verdankt die Stadt zweifellos unter anderem auch Donna Hay, einer ehemaligen Foodstylistin und Chefköchin, die zum Star der Lifestyle-Presse aufgestiegen ist. Crossover-Porträts einer Metropole und einer Ikone, die sich gegenseitig inspirieren.
Donna Hay, früher Foodstylistin und Chefköchin, heute Pressemagnatin und Erfolgsautorin…
SYDNEY IST DIE WOHL EUROPÄISCHSTE METROPOLE AUF DER ANDEREN SEITE DES GLOBUS, EIN PERFEKTER COCKTAIL AUS ALTER UND NEUER WELT, AUS OKZIDENT UND ORIENT, AUS BRITISCHEM TRADITIONALISMUS UND OZEANISCHER WELTOFFENHEIT. Man darf sich die Stadt aber nicht vorstellen wie ein Transplantat angelsächsischen Bodens auf diesen Erdteil, der auf halbem Wege zwischen Inselindien und dem Südpol liegt. In den meisten Köpfen erzeugt der Name Australien nur Bilder von Surfern, Kängurus, Ayers Rock und Didgeridoo spielenden Aborigines. Neben diesen touristischen „Down Under“-Highlights hat das Land aber noch ganz andere Ressourcen zu bieten. Ganz oben auf der Liste dieser Reichtümer fungiert ein raffinierter Lebensstil in den verschiedensten Domänen: Dekoration, Design, Reisen, Kochkunst und ihre Accessoires, all jene Bereiche, über die man in den ästhetisch präsentierten „Lifestyle“-Magazinen liest. Die tonangebende Nummer Eins, die in diesem Universum einen vergleichbaren Einfluss hat wie die „Vogue Italia“ für die Modewelt, nennt sich „Donna Hay Magazine“. Dass Zeitschriften rund um die gepflegte Lebensart so viel Erfolg in Australien haben, liegt sicherlich daran, dass hier die Idealbedingungen zur Umsetzung der journalistischen Vorgaben und Anregungen herrschen. Auf eleganten, mattglänzenden Seiten präsentiert sich dem Leser europäisches Flair mit ganz neuen Ideen, die das alte Europa fast ein wenig altbacken aussehen lassen. Liegt es am sonnigen Klima, dass eine derartig britische Kultur über ihr stilles Interieur hinauswachsen und so herrlich an der frischen Luft erblühen konnte?
AUSTRALISCHE LEBENSART „In Sydney lässt es sich gut leben. Man muss zwar hart arbeiten, aber die Stadt bietet als Gegenleistung enorm viel Unterhaltung und Abwechslung,“ schwärmt Donna Hay, Gründerin und Chefredakteurin des gleichnamigen Magazins. „Wo sonst auf der Welt ist man fünf Minuten nach Verlassen des Büros an einem Traumstrand und kann auf fantastischen Wellen reiten?“ Aus dem bunten eurasischen Kulturmix hat sich ein echter australischer Lebensstil herauskristallisiert, der bis in jedes Alltagsdetail authentisch ist. Die Basis bleibt jedoch eine gewisse angelsächsische Eleganz, nach wie vor Richtschnur des guten Tons, Standard des strengklassischen Chics. Hier mischen sich Einflüsse aus den verschiedensten Ursprüngen ein, die aber im Laufe der Jahre zu einem nahtlosen Ganzen zusammengewachsen sind. In der Küche beispielsweise. Australien nutzt seine abgeschiedene Lage, um gebührenden Abstand zu wahren und kulinarische Unterschiede zu pflegen. Fusion wird Konfusion, will man die ganze Welt zu dicht heranholen. Nur aus der Ferne lässt sie sich auf einen Blick erfassen.
„Für Foodfotografie ist der Kontext ebenso wichtig wie für Modeaufnahmen.
SYDNEY, AMBIENTE PUR In dieser Atmosphäre brodelnden Pioniergeistes bringt jeder sein Savoir-faire zum Vorteil aller ein, ähnlich wie damals die afghanischen Kameltreiber halfen, die Wüsten des Outbacks mit ihren Dromedaren in den Griff zu bekommen. Wie alle jungen Society-Formen entwickelt Sydney ein Ambiente, ein Lebensklima, das geradezu nach Kultur hungert. Zum Wachsen ernährt sich die Metropole vom Besten aus allen verfügbaren Welten, eine Schönheitskönigin mit Hang zum Opportunismus. Wieso schmeckt hier italienische Küche besser als in Italien, chinesisch besser als im Heimatland? Je weiter eine kulinarische Tradition von ihrem Ursprungsort entfernt erblüht, desto konzentrierter tritt sie auf, festigt ihr Repertoire und kultiviert ihre Eigenheiten. Die meisten Adressen die Donna Hay empfiehlt, basieren auf Konzepten, Interpretationen, nicht auf Authentizitätsbehauptungen. Statt alte Rezepte aufzuwärmen, die am anderen Ende der Welt nicht mehr die gleiche Daseinsberechtigung hätten, entsteht hier ein neues gastronomisches Genre. Es lehnt sich an die klassischen kulinarischen Führungsnationen wie England, Frankreich oder Italien an, ohne sie zu imitieren. Hier besticht man mit klaren, seriösen Gerichten, mit Qualität und Liebe zum Kochen. Das spricht ein liberales Publikum an, Leute mit Ansprüchen, aber ohne Dünkel, kritisch, aber nicht krittelnd. Denn schlussendlich macht ja der Genuss das Rennen.
DIE FARBKÜNSTLERIN Für Donna, früher Foodstylistin und Chefköchin, heute Pressemagnatin und Erfolgsautorin, zählt nicht nur der Geschmack, sondern auch das Aussehen der Speisen. „Das Licht in Sydney ist einzigartig: klar und diffus im Sommer, konstant im Winter. Wir fotografieren unsere Rezepte in natürlichem Tageslicht, um das Ambiente der jeweiligen Jahreszeit einzufangen. Die Farbabstimmung hat für mich einen so hohen Stellenwert, dass wir für jede Ausgabe einen Farbcode festlegen. Für die Foodfotografie ist der Kontext ebenso wichtig wie für Modeaufnahmen.“ Angelsachsen besitzen ein natürliches Talent für Farbgebung. Die Fassaden der Häuser sind oft wunderschön gestrichen, weder so ostentativ wie in Frankreich noch so patiniert wie in Italien. In ihrem Universum setzt Donna Hay auf fast weißes Himmelblau, ihr ganz eigenes Donna-Blau, das in all ihren Kreationen rund ums Kochen zum Tragen kommt. Ihre Küchenutensilien und -accessoires – wie dieser edle Mixer aus bläulichem Stahl – werden in der ganzen Welt verkauft, auch in ihrer eigenen Boutique im eleganten Wohnviertel Woollahra.
5 SCHLÜSSELDATEN EINER ERFOLGSSTORY
1997 : 1997 : kommt ihr erstes Kochbuch heraus (gefolgt von rund zwanzig anderen Werken, die in sieben Sprachen übersetzt und von denen über vier Millionen Exemplare verkauft wurden).
2001 : erscheint die erste Ausgabe des „Donna Hay Magazine“.
2005 : werden die ersten von ihr entworfenen Küchenutensilien bei David Jones angeboten.
2009 : eröffnet sie ein Geschäft im Wohnviertel Woollahra, in Sydney.
2011 : kommen die Kochbücher „Fast, Fresh, Simple“ und „A Cook’s Guide“ in die Buchläden. Das „Donna Hay Magazine“ feiert sein zehnjähriges Jubiläum.
Text : Julien Bouré, Fotos : Jean-Claude Amiel

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